GefĂŒhle oder Emotionen?

Zwischenbemerkung

ErklÀrung

Neue Erkenntnisse können erfordern, dass man Begriffe, die schon lange im Gebrauch sind, schĂ€rfer oder fĂŒr die spezielle Verwendung gezielt definiert. Hinter der Bezeichnung “GefĂŒhl” verbergen sich mehrere Einzelfunktionen der Informationsverarbeitung im Gehirn. Gar nicht gemeint ist in unserem Zusammenhang “FĂŒhlen” im Sinne von “Tasten”. Aber es hat sich auch gezeigt, das das Erleben eines GefĂŒhls nur ein Nebeneffekt (EpiphĂ€nomen) der Aufgaben ist, die die Emotionen im Funktionsablauf des Körpers und des Gehirns haben.

Entwicklungsgeschichtlich gesehen bilden die Emotionen ein Wertungs- und Warnsystem. Sie kennzeichnen als “emotionale Marker” (Damasio) jede Erinnerung und Erfahrung (und beim Menschen auch jeden Begriff) als fĂŒr das Individuum gut oder zutrĂ€glich bzw. schlecht und gefĂ€hrlich. Sie warnen mit dieser Wertung also jeweils auch vor Gefahren. Und entsprechend der unten stehenden Grafik organisieren sie auch die Mobilisierung geeigneter körperlicher Maßnahmen, also zum Beispiel mehr Durchblutung mit  höherem Druck in den Muskeln fĂŒr Angriff oder Flucht.

Emotionen sind kein Selbstzweck, sind also von “der Natur” nicht entwickelt worden, damit wir uns an einem Sonnenuntergang erfreuen können. Sie haben eine zentrale Funktion im Warn- und Alarmierungssystem des Körpers einerseits und bei der Bewertung aller Informationen andererseits.

Übrigens...

Die Feststellung “Das interessiert mich” wird von vielen auch als eine Bewertung eingestuft. Interesse ist aber kein GefĂŒhl. Es deutet vielmehr auf die AktivitĂ€t eines Sollwertes fĂŒr das ExplorationsbedĂŒrfnis, das wir unter den Motivationen besprechen werden. Man darf aber davon ausgehen, dass ein Marker “Interesse” irgendwie mit der interessanten Information verbunden sein dĂŒrfte. Falls die Information in einem Zusammenhang assoziiert  wird, erhĂ€lt sie durch diesen Marker auch PrioritĂ€t wie durch den emotionalen Marker “Das mag ich sehr”.

Hinweis

Nach einer allgemeinen Charakterisierung werden dargestellt:

 


 

 

Was GefĂŒhle sind, meint jeder zu wissen. Die Wissenschaft hat heute sehr interessante, differenzierte Vorstellungen ĂŒber deren angeborene und erworbene Anteile. Und kaum einer ahnt, wie groß ihre Bedeutung fĂŒr unsere subjektive Welt, fĂŒr unsere persönlichen Bewertungen ist, wie sie unsere Stimmung, unsere Motivation, sogar unseren Charakter beeinflussen. Emotionen beherrschen unser Leben weit mehr, als man bisher annahm.

In den verschiedensten Zweigen der Neurowissenschaften und der Psychologie wurden in den letzten Jahrzehnten vielseitige Befunde erhoben, die in der Zusammenschau beweisen, dass die Emotionen nicht nur enorm große Bedeutung fĂŒr unser Verhalten haben, sondern dass sie auch mit der Aktivierung der Körperfunktionen, mit der Bewertung aller Begriffe und Erinnerungen die SubjektivitĂ€t unseres Denkens entscheidend bestimmen.

Es ergibt sich auch, dass GefĂŒhle ĂŒber das PhĂ€nomen der Stimmung mit den endogenen Motivationen, also den unbewussten Antrieben eng verbunden sind. So ist zum Beispiel die gute Stimmung durch eine allgemeine, also ungerichtete Motivation zur AktivitĂ€t gekennzeichnet, bezieht sich also auf jede Art von TĂ€tigkeit. Die schlechte Stimmung  dagegen lĂ€hmt jeden Antrieb, man hat zu nichts Lust. Damit ist sie der Depression gleichzusetzen oder  Ă€hnlich, die mit extremer Antriebslosigkeit gekoppelt ist 

Insgesamt muss man  davon ausgehen, dass es festgelegte emotionale, wissensunabhĂ€ngige Systeme im Gehirn gibt, die unser Verhalten beeinflussen. Viele Psychologen diskutieren, ob die Stimmung einfach ein lang anhaltendes GefĂŒhl ist. Sie ist andererseits aber so eng mit der Lust zur TĂ€tigkeit verbunden, dass ich sie als einen Auslösefaktor der ungerichteten Motivation ansehe und deshalb bei den Motivationen bespreche.

 

 

           

 

 

1. PrimĂ€re und sekundĂ€re GefĂŒhle

GefĂŒhle werden unterschiedlich definiert. In Anlehnung an Damasio sollen hier primĂ€re und sekundĂ€re GefĂŒhle unterschieden werden. Die primĂ€ren GefĂŒhle sind angeboren und haben ihren Sitz in den Mandelkernen. Sie sind unter anderem mit Aktivierungsmustern der Gesichtsmuskeln und damit mit typischen GesichtsausdrĂŒcken (Mimik) gekoppelt. Diese sind ebenfalls angeboren und daher bei allen Menschen Ă€hnlich. So hat man zum Beispiel Fotografien, die Menschen mit dem typischen Ausdruck von Angst, Freude usw. abbilden, in der ganzen Welt herumgezeigt. Die dargestellte Emotion wurde bei allen Völkern richtig erkannt. PrimĂ€re Emotionen haben eine große Bedeutung fĂŒr die Empathie (s. u.).

Es gibt vermutlich sechs primĂ€re GefĂŒhle: Angst, Wut, Freude, Trauer, Überraschung, Ekel. Das biologisch wichtigste GefĂŒhl ist die Angst. Sie hilft zu ĂŒberleben, indem sie im Rahmen des Alarmsystems die KörperkrĂ€fte in Bruchteilen einer Sekunde zweckgerichtet koordiniert und mobilisiert, spĂŒrbar z. B. am Herzklopfen durch erhöhten Blutdruck und höhere Herzfrequenz. (GefĂŒhle sind viel schneller als das Denken, dafĂŒr aber auch weniger genau.) Vermehrte hĂ€ufige Angst kann ĂŒber die Stressreaktion allerdings auch KörperschĂ€den verursachen, sogar im Gehirn selbst (s. Burnout-Syndrom).

Die GefĂŒhle wie:  “Das liegt mir, das liebe ich.” oder “Das mag ich  nicht, das verabscheue ich” sind andererseits offensichtliche Beispiele fĂŒr die Bewertungsfunktion der GefĂŒhle. Alle Erinnerungen, alle Begriffe, alle Gedanken werden, soweit sie die Person auch nur geringfĂŒgig berĂŒhren, mit sogenannten “emotionalen Markern” (Damasio) versehen. Mit diesen Markern bewerten wir zum Beispiel alle Nahrungsmittel, alle GegenstĂ€nde des tĂ€glichen Gebrauchs und alle Mitmenschen, die irgendeinen Bezug zu uns haben. Der Vorteil dieser emotionalen Klassifizierung fĂŒr das Vermeiden von Gefahren und damit fĂŒr das Überleben ist offensichtlich. Denn sowohl die individuellen Erfahrungen gehen hier massiv ein als auch die durch die soziale Umwelt gelehrten Ansichten und Werturteile,

FĂŒr den Menschen bedeuten die ubiquitĂ€ren Etiketten aber auch, dass er in der Regel subjektiv denkt. Denn immer, wenn er etwas beurteilt oder wenn er gar etwas entscheidet, gewichtet er die Argumente mit seinen emotionalen Markern, also zu seinem persönlichen Vorteil oder wenigstens seiner individuellen EinschĂ€tzung. Und wenn die Intelligenzfunktion  bei Entscheidungen immer diejenigen Argumente prĂ€sentiert, die den grĂ¶ĂŸten Vorteil oder den geringsten Nachteil versprechen, dann bedeutet das auch, dass er immer egoistisch denkt und handelt, solange er nicht bewusst oder mittels erlernter Einstellungen gegensteuert.

 

p1k1 Marker

Abb. 1: Emotionale Marker: Dem rationalen GedĂ€chtnisinhalt (hellgelb), der ĂŒber eine Konvergenzzone des Hippokampus aus den jeweiligen Abspeicherungsorten (der Großhirnrinde) prĂ€sentiert wird, wird immer eine emotionale Bewertung (hier Ärger; blau hinterlegt) aus der Amygdala hinzugefĂŒgt, sobald das Individuum zuvor eine gewisse persönliche Beziehung zu dem Inhalt entwickelt hatte. Es kann sich um Begriffe, Personen oder Ereignisse handeln. In dieser Kombination wird der Gedanke von der Intelligenz (in Konvergenzzonen des PrĂ€frontalhirns, dunkel gelb hinterlegt) z. B. bei Entscheidungen behandelt und dient dann als Grundlage fĂŒr Handlungen. Alles Denken mit derart markierten Begriffen oder Erinnerungen wird notwendig subjektiv und dient dem eigenen Vorteil. Es ist weise, diese persönlichen emotionalen Bewertungen zu hinterfragen. Man kann sie korrigieren.

 

Es gibt eine erhebliche AbhĂ€ngigkeit der Leistung eines Menschen von seinen Emotionen. Jeder kennt das von schlechter Laune. Die nĂ€chste Abbildung zeigt die AbhĂ€ngigkeit der Leistung von der Angst, die zum Beispiel ein SchĂŒler vor der Schule oder vor dem Lehrer hat. Die meisten sogenannten “FlĂŒchtigkeitsfehler”, die das Kind zu Hause nicht machte, die aber in der Stresssituation der Klassenarbeit passieren (wo ja eigentlich höchste Konzentration herrscht), sind so zu erklĂ€ren. Die Leistungssteigerung bei leichter Angst versuchen oft auch die Arbeitgeber in ihren Betrieben zu nutzen: Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes oder auch nur der Zuneigung des Vorgesetzten, Angst vor Schließung oder Verlagerung des Betriebes usw.

 

    

Abb.2:  Ambivalenz der Emotionen bezĂŒglich der AktivitĂ€t und der Leistung: leichte Angst erhöht die AktivitĂ€t und damit auch die LeistungsfĂ€higkeit. Jeder Lehrer oder Arbeitgeber nutzt das in Form leichter Drohungen: Keine Versetzung in die nĂ€chste Klasse, keine Gehaltserhöhung etc. Aber: grĂ¶ĂŸere Angst steigert die Zahl von Fehlern, ganz große Angst kann zu einem “Block” fĂŒhren (Examensblock: auch leichte Antworten fallen dem PrĂŒfling nicht mehr ein. Grund ist eine affektive Denksperre.) Wenn Emotionen stĂ€rker werden, beeintrĂ€chtigen sie die Funktion des Verstandes. Das gilt nicht nur fĂŒr die Angst. Auch starke Wut oder Liebe machen "blind". Chronische starke Emotionen können zu psychosomatischen (heute: psycho-physischen) Erkrankungen fĂŒhren. Es gibt starke individuelle Unterschiede. Die punktierte Linie reprĂ€sentiert eine sehr sensible Persönlichkeit, die schon bei leichter Angst Fehler macht. Die mit gestrichelter Linie charakterisierte Persönlichkeit reagiert kaum emotional: idealer Rennfahrer oder Pilot.

 

 

SekundĂ€re GefĂŒhle entstehen, wenn Erfahrungen und Traditionen und andere rationale Faktoren hinzukommen. Dann kann man außer Freude auch Schadenfreude oder Nationalstolz verspĂŒren oder als Mischung von Wut und Ekel auch Abneigung oder Fremdenhass. Die Abbildung soll das verdeutlichen.

       Emotionen sec2

Abb. 3: Bildung komplexer GefĂŒhle. Linke untere Ecke: Ein Sinnesreiz z. B. aus dem Auge fĂŒhrt (nach einer hier nicht dargestellten Umschaltung im Thalamus) im Gehirn einerseits zu einer ersten Beurteilung der gesehenen Situation und andererseits zur Auslösung eines (primĂ€ren) GefĂŒhls in den Mandelkernen, hier zu Freude auf den Freund. Letztere veranlasst sofort (sehr schnelle Alarmfunktion als primĂ€re biologische Aufgabe) eine Aktivierung von Organbereichen im Körper, die fĂŒr eine angemessene Reaktion notwendig sind (Kreislauf, Herzschlag, Blutdruck, Muskeltonus: Rechteck rechts unten). Die so ausgelösten "peripheren" Organantworten werden, wenn sie wirksam werden, sofort zum Gehirn zurĂŒckgemeldet und verĂ€ndern dort das KörpergefĂŒhl. Es resultieren entsprechende Empfindungen, die die ursprĂŒngliche Freude modifizieren. Parallel dazu wurden vom Denkapparat aus der Erinnerung frĂŒhere, vergleichbare Situationen aufgesucht (rechts oben). Die ihnen anhaftenden Marker mit den damaligen sekundĂ€ren GefĂŒhlen werden der jetzigen GefĂŒhlsszene beigemischt. Es entsteht ein neues sekundĂ€res GefĂŒhl (nach Damasio). Dieses Emotionsgemisch, das zur aktuellen Situation gehört, wird als “Marker“ mit dieser abgespeichert (oben Mitte) und kann spĂ€ter zusammen mit eben dieser Situation wieder aus dem GedĂ€chtnis erinnert und produziert werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

           

 

 

2.  Empathie: die GefĂŒhle des anderen verstehen

Empathie bedeutet, sich in einen anderen Menschen einzufĂŒhlen, um dessen GefĂŒhle verstehen zu können. Die Funktion bedient sich ganz wesentlich der Spiegelzellen, die man hauptsĂ€chlich im motorischen System des Gehirns gefunden hat. Sie formen einerseits den mimischen Gesichtsausdruck im Zusammenhang mit eigenen GefĂŒhlen (auf angeborener Basis s. o.). Wenn man bei einem anderen Menschen GefĂŒhlsreaktionen bemerkt, imitiert man automatisch dessen mimischen Ausdruck (zu erkennen bei Kindern im Kasperletheater oder bei Erwachsenen in unbeobachteten Augenblicken z. B. im Kino). Indem man die Mimik des anderen nachmacht, können die Spiegelzellen in rĂŒcklĂ€ufiger Nutzung der Nervenbahnen die zu dieser Mimik zugehörigen GefĂŒhle konstruieren, man spĂŒrt sie nun auch und versteht sie. Die Imitation des mimischen Ausdrucks des GegenĂŒber kann der Erwachsene vermutlich auch virtuell, also ohne Muskelbeteiligung durchfĂŒhren.

 

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 AbbildungserklĂ€rung 4: Alle primĂ€ren GefĂŒhle sind mit spezifischen mimischen Äußerungen gekoppelt.Bei der Generierung derselben ist weder der Verstand (grau hinterlegt) noch das GefĂŒhlszentrum zwischengeschaltet. Das prĂ€motorische Zentrum veranlasst die Körpersprache (durch die motorischen Zentren der Hirnrinde, ganz unten) direkt, sozusagen sofort automatisch (ganz links blauer Pfeil). Vom prĂ€motorischen Zentrum aus wird dann auch das GefĂŒhlszentrum informiert: Man “fĂŒhlt” nun auch, z. B. den Ekel. Wenn dieser Mensch spĂ€ter bei einem anderen Menschen den Ausdruck des Ekels sieht (rechte HĂ€lfte der Abbildung), veranlasst sein Sehzentrum automatisch ĂŒber die gleichen, daher “Spiegelzellen” genannten Nervenzellen seines prĂ€motorischen Zentrums (grĂŒner Pfeil ganz rechts), dass er auch eine derartige Mimik ausbildet. Von seinem prĂ€motorischen Zentrum aus wird dann ebenfalls das GefĂŒhl “Ekel” erzeugt (nachgeahmt), also gewissermaßen das GefĂŒhl des anderen gespiegelt. Man fĂŒhlt ĂŒber die mimische Zwischenstation das GefĂŒhl des anderen und kann es dann auch verstehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

           

 

 

3.  Nonverbale Kommunikation

Man schĂ€tzt, dass bis zu 90% der Information bei einem alltĂ€glichen GesprĂ€ch (jedenfalls bei Smalltalk) ohne Worte ĂŒbertragen wird. Mittler ist die Körpersprache, speziell die Mimik, aber auch der Ton und die Wortwahl. Nach F. Schulz von Thun werden meist drei verschiedene Mitteillungen bei jedem Satz mitgesendet. In der folgenden Grafik will ich das verdeutlichen:

 

Kommunikation

 Abb. 5: Körpersprache ergĂ€nzt die verbale Information.Wenn ein GesprĂ€chspartner den gelb hinterlegten Satz ausspricht (kognitive Äußerung), kann er noch eine Selbstoffenbarung ĂŒber seine eigenen GefĂŒhle, eine Beziehungsbotschaft ĂŒber das VerhĂ€ltnis zwischen ihm und dem Zuhörer und letztlich auch einen aufmunternden Appell vermitteln. Der EmpfĂ€nger der Botschaft sollte ihn dabei anschauen, um die Gesamtnachricht richtig verstehen zu können. Daher sind persönliche GesprĂ€che am Telefon schwieriger zu fĂŒhren, wenn man sich nicht sehr gut kennt. Kennt man den GesprĂ€chspartner gut, sind viele der emotionalen Zusatzbotschaften auch aus Tonlage, LautstĂ€rke usw. zu entnehmen. In einem Brief wĂŒrde der Sender mehrere SĂ€tze schreiben mĂŒssen.

 

 

 

 

 

 

 

Sympathie

Empathie ist eine wesentliche Voraussetzung fĂŒr Sympathie. Man fand heraus, dass Menschen, die vielen anderen Menschen immer sofort sympathisch waren, die FĂ€higkeit hatten, sich blitzschnell auf die GefĂŒhlslage des GegenĂŒber einzustellen (mit der Empathie!). Sympathie beruht weitgehend auf Gleichklang der GefĂŒhle. Laboruntersuchungen zeigen, dass dann auch eine Reihe von körperlichen Reaktionen wie Blutdruck, Puls und Schweißsekretion synchronisiert sind und sich bei beiden GesprĂ€chspartnern entsprechend dem Emotionsgehalt der GesprĂ€chsthemen parallel verĂ€ndern.

Ferner wirken fröhliche Menschen auf die meisten anderen eher sympathisch.

 

 

             

 

4.  Synopsis der Emotionen

Wir haben einige emotionale Systeme kennengelernt: Das Bewertungssystem mit den sog. emotionalen Markern dient dem Eigenbedarf und ist egoistisch, also fĂŒr den eigenen Erfolg dienlich. Ganz wesentliche Bedeutung hat es auch fĂŒr die Organisation von Körperfunktionen in Standardsituationen, also Angriff aus Wut oder Flucht bei Angst. In bewertendem Sinne dienen auch die sekundĂ€ren GefĂŒhle, aber sie sind erlernt und viel differenzierter. Insbesondere geht die eigene Erfahrung und der Rat wichtiger Mitmenschen ein. FĂŒr letzteres ist daher eine zusĂ€tzliche Reihe eingefĂŒgt. Stimmungen und angeborene BedĂŒrfnisse werden wir im Kapitel “Motivationen” besprechen.

 

     Emotionen Tabelle

Abb. 6: Unbewusste Informationen zu Körperzustand und Erfahrungen:

  • Das Bewertungssystem (emotionale Marker) subjektiviert alle Erfahrung, indem es sie mit dem schon frĂŒher erlebten Körperzustand verbindet. Alle kĂŒnftige Orientierung wird dadurch erleichtert (oberste Zeile).
  • Die primĂ€ren GefĂŒhle spiegeln den aktuellen Aktivierungsstatus des Organismus, den die zugrunde liegenden primĂ€ren Emotionen zunĂ€chst organisiert haben. Sie zeigen damit aktuelle Gefahr oder Freude oder anderer grundsĂ€tzliche UmstĂ€nde an.
  • Die sekundĂ€ren GefĂŒhle (dritte Zeile) quantifizieren den emotionalen Zustand genauer und in Bezug auf aktuelle, kognitiv beurteilte UmstĂ€nde. Die Erinnerung an frĂŒhere vergleichbare GefĂŒhlszustĂ€nde kann mit einfließen. Erlernte Urteile und Einstellungen gehen mit ein.
  • Mit der vierten Zeile sind Einstellungen angesprochen, die sich auf der Basis von Erfahrung und Gelerntem gebildet haben und subjektiv gewertet sind. Sie beeinflussen ganz entscheidend das Handeln.
  • Stimmungen können als ein Auslösemechenismus von ungerichteten Motivationen, also der Lust zum Handeln angesehen werden. Das allgemeine KörpergefĂŒhl (KrankheitsgefĂŒhl) und andere innere Parameter fließen ebenso mit ein wie Ă€ußere Beeinflussungen und gedankliche Erkenntnisse, Erinnerungen, Erfolgs- oder Misserfolgserlebnisse.
  • Angeborene BedĂŒrfnisse in der 6. Zeile motivieren gerichtet zur AktivitĂ€t. Sie werden durch Auslösemechanismen gestartet, die als Sollwerte aufgefasst werden können. Äußere UmstĂ€nde, ErmĂŒdungszustand, kognitive Reaktionen (VerĂ€rgerung, EnttĂ€uschung) können starken Einfluss ausĂŒben.

 

 

5. GefĂŒhle im Alltag, in der Dichtung, in der Philosophie

 

Die Neurowissenschaft hat gezeigt: Mittels der Empathie kann man  seine GefĂŒhle dem anderen prinzipiell mitteilen. Das geht gewissermaßen automatisch. Wie weiß ich aber genau, wie der andere fĂŒhlt, etwa bei einem Sonnenuntergang oder in einer SchlĂŒsselszene eines Romans? Oder beim Anblick eines GemĂ€ldes? Was spĂŒrt er bei der Farbe rot, wie sieht er sie ĂŒberhaupt?

Mit den Mitteln der Sprache kommt man hier nicht wirklich weiter, und Vergleiche taugen nicht: “Wie das rote Auto des Nachbarn.” Aber wie sieht er das? Die an sich so mĂ€chtige Kommunikationsmöglichkeit des Menschen gegenĂŒber der der Tiere kommt hier an ihre Grenze.

GefĂŒhle, Empfindungen bis hin zu TrĂ€umen werden in der Poesie wie in der Religion nicht selten als eine BrĂŒcke zu einer jenseitigen oder höheren Welt gesehen oder dort sogar lokalisiert. Dem kommt entgegen, dass die Vertreter der Naturwissenschaften oft selbst unsicher sind und damit den Argumentationen der Philosophie in die HĂ€nde spielen.

Die BemĂŒhungen der Naturwissenschaften, das Wesen von GefĂŒhlen und deren Entstehen, wie das oben in Abb. 3 versucht wurde, erscheinen manchem als zu plump. Immerhin, GefĂŒhle sind eine Art UrphĂ€nomen des Gehirns, das es dort entwicklungsgeschichtlich schon lange und wahrscheinlich schon bei sehr primitiven Tieren geben dĂŒrfte. Man denke an das ErmĂŒdungsgefĂŒhl, das aus dem Zustand der betroffenen Organe abgeleitet werden muss. Es war schon immer auch fĂŒr alle Tiere ĂŒberlebenswichtig. Es wird im im Zentralnervensystem generiert und dort auch empfunden. Spezielle neurologische Sensoren und Leitungsbahnen sind (noch) nicht bekannt, Zentren der Verarbeitung durchaus.

Man hat zur ErklĂ€rung des Entstehens von GefĂŒhlen wie auch mancher anderer PhĂ€nomene im Gehirn den Begriff der Emergenz bemĂŒht. Man erklĂ€rt dieses PhĂ€nomen am Beispiel der Eigenschaften von Wasser (H2O). Die Eigenschaften der beiden Gase, Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) sind erschöpfend bekannt. Wenn aber aus der Vereinigung der beiden Wasser (H2O) gebildet wird, entstehen völlig neue Eigenschaften, die aus den Eigenschaften der Konstituenten nicht abgeleitet werden können. Eine (mĂŒhsame) ErklĂ€rung gelingt erst unter Zuhilfenahme der Atomphysik (Bahnen der Elektronen etc.), die ihrerseits aber die menschliche Vorstellungskraft ĂŒbersteigt. (Eine naturwissenschaftlich fundierte Übersicht ĂŒber die Grenzen der menschlichen ErkenntnisfĂ€higkeit hat E. P. Fischer vorgelegt.)

Es könnten also in den neuronalen Netzwerken des Gehirns, wenn sie sehr komplex werden, auch emergent völlig neue PhĂ€nomene wie eben GefĂŒhle oder Bewusstsein oder gar Intelligenz entstehen. Man wĂ€re dann zunĂ€chst der Notwendigkeit einer genaueren ErklĂ€rung enthoben. Die Mehrzahl der Neurowissenschaftler lehnt derartige ErklĂ€rungsversuche aber ab. Sie akzeptieren ja auch nicht die Annahme irgendwelcher ĂŒbernatĂŒrlicher EinflĂŒsse.

Psychologisch gesehen ist das KausalitĂ€tsbedĂŒrfnis des Menschen wichtig und erfreulich, In einer Welt allerdings, in der die Physik nahezu keine der wichtigen Grundeigenschaften des Kosmos wie das genaue Wesen von Zeit, von Schwerkraft oder von Magnetismus zu erklĂ€ren vermag, mag auch das letztliche Zustandekommen von alltĂ€glichen zerebralen PhĂ€nomenen geheimnisvoll bleiben.

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Gehirn erledigt fĂŒr uns “im Hintergrund” eine schier astronomische Zahl von Einzelaufgaben, ohne die außer dem Stoffwechsel auch eine aufrechte Körperhaltung oder eine selbstbewusste Antwort nicht möglich wĂ€ren. Uns interessieren hier nur diejenigen Funktionen, die Verhalten im weitesten Sinne organisieren. Je genauer man hinsieht, desto erstaunlicher und komplexer sind diese nur auf den ersten Blick selbstverstĂ€ndlichen Leistungen.

Hinweis

Hinweis

Der Mensch lernt bereits im 10. oder 12. Lebensjahr, mimische BegleitĂ€ußerungen bei GefĂŒhlen zu unterdrĂŒcken. FĂŒr Erwachsene gehört das in vielen LĂ€ndern der Erde zum Verhaltenskodex (Pokerface). FĂŒr die Generierung von Sympathie ist diese ZurĂŒckhaltung aber schĂ€dlich (s.u.).

Die Konsequenzen des emotionalen Systems fĂŒr die SubjektivitĂ€t werden an anderer Stelle zusammengefasst

Hinweis

Alle primĂ€ren GefĂŒhle gibt es umgangssprachlich wie real in quantitativen Variationen: Freude kann man mit Genugtuung oder Jubel oder Seligkeit genauer differenzieren.

Hinweis

Hinweis

GrundsĂ€tzlich wird in den Grafiken meiner Site alles, was mit Denken und Verstand zu tun hat, gelb hinterlegt. Dagegen schreibe oder hinterlege ich alles, was  Emotionen ausdrĂŒckt oder auf ihnen beruht, blau. Das zeigt erstmals die Abb. 1.

Ausnahme im Text sind zuweilen die  Hinweise auf  einen Link.

Hinweis

Sowohl Aristoteles als auch Plato sahen im Staunen den Anfang der Philosophie. Sie ermunterte, alles AlltÀgliche zu hinterfragen, und war damit der Anfang der (Natur-) Wissenschaft.

Hinweis

Es gibt bedauernswerte Menschen, die blind geboren werden. Sie haben also nie das Gesicht eines anderen Menschen sehen können. Sie machen aber auch die “richtige” Mimik, wenn sie GefĂŒhle haben und zeigen. Das beweist, dass die zum GefĂŒhl gehörige Mimik mit den Genen vererbt wird.

Prof. Dr. Wolfgang Seidel, Sindelfingen

Konzepte zur emotionalen Kompetenz

Emotionen

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Angst

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angeborene BedĂŒrfnisse; X

Automatismen

Begabung

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Burnout-Syndrom

Burnout, Vorbeugung

Charakter

Depression; X

Determinismus

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Einstellungen; X; X

Emotionen, primÀre; X

emotionale Intelligenz; X

Empathie; X

Empfindungen

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Erfahrung; X

Ethik

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FĂŒhrungsfehler; X

g-Faktor

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Gewissen

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Intelligenz; X; X

Intelligenz, interpersonale

KörpergefĂŒhl

Kompetenz, X; X

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Marker, emotionale; X

Marshmallow-Test

Menschenkenntnis

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Motivation, ungerichtete

multiple Intelligenz

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Persönlichkeit

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Selbstbeherrschung; X; X; X

Selbstkritik

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SubjektivitÀt, X; X

Sympathie

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